© der Geschichte: Oliver. Nicht unerlaubt
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Der Irrtum

Sie war in allen Belangen eher unscheinbar. Ganz gleich, wie sie ihr schulterlanges blondes Haar trug, oder wie geschickt sie sich kleidete. Nichts konnte darüber hinwegtäuschen, daß Laura nur von durchschnittlicher Erscheinung Ende zwanzig war.
Sie war nicht der Typ, dem man hinterherschaute, wenn man ihm auf der Straße begegnete, auch gehörte sie nicht zu den Personen, denen man sonderlich Beachtung schenkte, wenn sie einen Raum betraten. Es gab nichts, aber auch absolut nichts, das in irgendeiner Form außergewöhnlich oder auffallend an ihr gewesen wäre. Gewiß, sie war nicht häßlich, wie sie sagte, als sie ihren zierlichen Körper vom Schlafzimmerspiegel abwandte und ins Eßzimmer zurückkehrte, wo sie den Tisch bereits zum dritten mal neu gedeckt hatte. Es war nur einfach nichts besonderes an ihr, nichts, das sie von anderen abgehoben hätte.

Sie drehte am Dimmer und überlegte, ob sie die Kerzen schon anzünden sollte, aber sie würden bis zu Bernards Ankunft zu sehr heruntergebrannt sein und könnten eventuell die makellos weiße Tischdecke mit Wachs befleckt haben. Daher schob sie lediglich Teller und Besteck noch einmal zurecht und überprüfte die Gläser auf Flecken.
Nervös sah sie auf die Uhr. Es war viertel vor Acht. In fünfzehn Minuten würde er endlich kommen. Sie spürte das Kribbeln im Bauch, als sie an ihn dachte. Jedesmal geschah das - seit nun mehr drei Wochen, als er unvermittelt in ihr Leben getreten war. Er war gutaussehend, elegant, hatte eine sportliche Figur und war immer braungebrannt, gerade so, als käme er frisch aus dem Urlaub, ja, als sei das ganze Leben für ihn ein einziger Urlaub.
Er war Abteilungsleiter in einer großen Firma und verdiente nicht schlecht, wie sein Lebensstandard bewies. Aber das interessierte Laura nicht. Einzig und allein sein Charme und seine einfühlende Art waren wichtig für sie. Ja, zum ersten mal in ihrem Leben hatte Laura das Gefühl, da ist jemand, der sie versteht.
Sie öffnete die Weinflasche, um ihr ein wenig Zeit zum atmen zu geben, schnitt eine Stange Weißbrot auf und legte die Scheiben fein säuberlich in den Brotkorb. Dann ging sie noch mal alles durch, um sich zu vergewissern, daß sie auch nichts vergessen hatte. Bernard konnte manchmal schnell gereizt sein, wenn nicht alles perfekt klappte. Das lag wohl an seinem stressigen Beruf, dachte Laura, bei dem man es sich einfach nicht erlauben konnte, Fehler oder Nachlässigkeiten durchgehen zu lassen.
Alles war zu ihrer Zufriedenheit. Der Braten war im Ofen, und würde pünktlich fertig sein, die Kartoffeln waren fast gar, der Salat mußte nur noch angemacht werden und im Kühlschrank wartete ein erfrischend säuerlicher Obstnachtisch auf seinen Verzehr.

Sie ging ins Wohnzimmer, setzte sich auf das Sofa und schaltete den Fernseher ein, um ein wenig zu verschnaufen. Die Acht-Uhr-Nachrichten begannen gerade und Laura schaute erschrocken zur Uhr. Hoffentlich kam er nicht zu spät, dachte sie, sonst wird der Braten trocken und all die ganze Mühe wäre umsonst gewesen.
Aber das sähe Bernard nicht ähnlich, sagte sie sich. Er war in allen Belangen zuverlässig. Stets hatte er sie pünktlich zu ihren Verabredungen abgeholt, wenn sie gemeinsam ausgegangen waren, und hatte sich auch sonst immer um alles gekümmert, hatte die Theaterkarten besorgt, oder den Tisch im Restaurant reserviert. Dennoch wurde sie durch seine Verspätung unruhig.
Was, wenn er es sich anders überlegt hätte, wenn er sich von ihrer Einladung zum Essen überrumpelt gefühlt hatte und ihm alles zu schnell ging? Er hatte ihr gegenüber einmal so etwas angedeutet, daß viele seiner früheren Beziehungen gescheitert waren, weil er sich vereinnahmt gefühlt hatte. Und wenn er eine engere Beziehung generell scheute? - oder es vielleicht an ihr lag? Er nichts mehr von ihr wissen wollte? Was hatte sie denn schon, daß sie für einen Mann wie Bernard interessant werden ließ? Er könnte doch jede haben, die er wollte. Warum also ausgerechnet mich?
Ach was, du ängstliches kleines Ding, schalt sie sich. Mach dich doch nicht immer so verrückt! Irgend etwas wird ihn halt aufgehalten haben. Bestimmt eine wichtige Angelegenheit in der Firma, die nicht aufgeschoben werden konnte, eine Konferenz vielleicht oder eine Besprechung.

Sie konzentrierte sich auf den Fernseher. Die Nachrichten brachten gerade die Meldung, daß der Würger schon wieder zugeschlagen hätte. Die Polizei hatte die Leiche vor wenigen Stunden in einem Park im Nordwesten der Stadt gefunden, bereits sein drittes Opfer in diesem Monat. Wie die anderen hatte er sie mit den Händen erwürgt und sich anschließend an ihr vergangen. Alle Opfer waren zwischen zwanzig und dreißig, hatten langes blondes Haar und waren alleinstehend. Das Fernsehen zeigte ein Photo der letzten Ermordeten. Eine junge Frau, die schüchtern in die Kamera lächelte und deren Gesicht durch einen schwarzen Balken unkenntlich gemacht wurde. Sie trug einen braunen Anorak und Jeans. Ihre weißen Turnschuhe versanken fast im Gras, auf dem sie stand und ihr Haar hing in glatten Strähnen herunter und fiel locker auf die Schultern ihres zierlichen Körpers.
Laura durchzuckte es wie ein Blitzschlag. Das Opfer auf dem Bildschirm hatte große Ähnlichkeiten mitů mit ihr! Ihr wurde schwindelig. Sie klammerte sich an die Lehne des Sofas und krallte ihre Finger in den weichen Stoffbezug. Konnte das wirklich sein, fragte sie sich.
Eine Beschreibung von einem Verdächtigen, der zur Tatzeit in der Nähe gesehen wurde, wurde verlesen. Ein Mann um die vierzig, sportlicher Typ, braungebrannt und gut gekleidet. Das Gutachten des Psychologen besagte, daß es sich vermutlich um einen egozentrischen, schnell zum Jähzorn neigenden Psychopathen handele, der aus einem perversen Sexualtrieb heraus tötete, um sich dadurch sexuelle Befriedigung zu verschaffen. Daher hätte er es auch immer auf den selben Typ Frau abgesehen. Die Ursache für dieses Verhalten läge wahrscheinlich in einem gestörten Verhältnis zur Mutter begründet, wodurch der Täter unfähig sei, eine reife Beziehungen mit einer Frau einzugehen. Möglicherweise ist er als Kind auch Opfer sexuellen Mißbrauchs geworden und hätte sich schließlich zur Kompensation in seine Perversionen geflüchtet.
Laura wurde übel. Hatte Bernard nicht erwähnt, daß er seine Mutter nicht besonders gemocht hätte, daß sie sehr streng zu ihm gewesen sei und ihn oft bestraft hätte? Auf der anderen Seite hatte er aber bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr bei ihr gewohnt. Und warum sprach er nie über seinen Vater? War es wegen Dingen, die er ihm als Kind angetan hatte, schrecklichen Dingen? Außerdem seine offensichtliche Angst vor engeren Beziehungen und sein gelegentlicher Jähzorn.
Nein, das konnte nicht sein! Nicht Bernard! Er konnte nicht der Gesuchte sein. Aber andererseits, was wußte sie schon von ihm? Hatte er nicht bei all ihren gemeinsamen Treffen mehr von ihr wissen wollen, als etwas über sich zu erzählen? Hatte er sie nicht ständig dazu gedrängt, ihm ihre tiefsten Geheimnisse preiszugeben, ihre Sehnsüchte und Wünsche? War dies etwa alles nur ein Trick gewesen, um ihre Schwachstellen auszuloten und so an sie heranzukommen?
Laura sprang aus dem Sofa und ging aufgeregt im Wohnzimmer auf und ab. Eine Träne lief ihre Wange hinab. Sie fühlte sich ausgenutzt und verletzt. All die schönen Worte und Komplimente, die Bernard ihr gemacht hatte, waren sie etwa alle nur Teil eines teuflischen Planes, der ihren Tod vorsah? Sie wollte es einfach nicht wahrhaben.
Aber was, wenn es stimmte, fragte sie sich. Was, wenn er wirklich der gesuchte Frauenmörder war? Entsetzt blieb sie stehen. Und was, wenn er gleich vor ihrer Tür stand und klingelte?
Sie mußte die Polizei rufen! Sie mußte ihr sagen, daß sie sich mit dem Würger verabredet hatte, und daß er bald zu ihr käme.

Aufgeregt rannte sie quer durch das Zimmer zu dem kleinen Holztisch, auf dem das Telefon stand. Im selben Moment klingelte es an der Tür.
Laura blieb wie angewurzelt stehen, wenige Meter vom Telefon entfernt. Sie wagte kaum zu atmen. Ihr Puls schnellte in die Höhe und ihre Hände begannen zu zittern. Aus den Augenwinkeln starrte sie auf die Tür, hinter der ihr vermeintlicher Freund stand. Nur fünf Zentimeter dickes Holz bewahrte sie vor dem Tod.
Es klingelte wieder. Eine Stimme - seine Stimme - drang gedämpft durch die Tür. "Laura, bist du da?"
Sie zwang sich weiterzugehen, aber mit jedem Schritt drohten ihre Beine zu versagen. Sie hatte das Gefühl, daß sie jeden Augenblick unter ihrem Gewicht nachgaben und sie zu Boden stürzte. Aber irgendwie gelang es ihr, den Tisch zu erreichen, den Hörer abzunehmen und mit zittrigen Fingern die Nummer der Polizei zu wählen.
Eine männliche Stimme meldete sich: "Polizeinotruf. Was kann ich für Sie tun?"
"Bitte, kommen sie schnell", flüsterte sie panisch. "Der Frauenmörder, den sie suchen steht vor meiner Tür. Der Mann, der die drei Frauen erwürgt hat. Es kam gerade im Fernsehen. Alles stimmt überein, die Beschreibung, der Charakter, alles."
Sie mußte sich beherrschen, nicht gleich loszuheulen. "Bitte kommen Sie schnell. Sonst wird er mich genauso umbringen, wie er die anderen umgebracht hat."
"Einen Augenblick bitte", antwortete die Stimme am anderen Ende der Leitung.
"Sprechen Sie von dem Würger?"
"Ja, genau", bestätigte sie aufgeregt.
Bernard klopfte. "Was ist los, Laura. Ich höre doch, daß du da bist. Warum machst du nicht auf?"
Laura erschrak. Oh, Gott, fuhr es ihr durch den Kopf. Was, wenn er Verdacht schöpfte? Er hätte die Türe aufgebrochen, lange bevor die Polizei eingetroffen wäre.
Nach einer Weile antwortete der Polizist am Telefon: "Miss, ich kann Sie beruhigen. Es war zwar noch nicht in den Nachrichten, aber der Frauenmörder ist vor einer viertel Stunde gefaßt worden. Er sitzt jetzt sicher in einer Zelle unseres Polizeireviers und wird Ihnen bestimmt nicht mehr auflauern können. Sollte Sie dennoch jemand belästigen, so ..."

Laura legte auf. Angst und Anspannung fielen mit einem mal von ihr ab. Tränen der Erleichterung kullerten über ihr Gesicht. Sie hatte sich geirrt, hatte sich in ihrer kindischen Art eingeredet, Bernard wäre ein Frauenmörder, wie Kinder sich einreden, daß der Baum vor dem Fenster mit den Ästen nach ihnen griff. Wie konnte sie nur so dumm gewesen sein? Das grenzte schon ans Paranoide.
Sie rannte zur Tür, riß sie auf und fiel dem überraschten Bernard um den Hals. Sie weinte immer noch.
"Was ist denn los?" fragte er sie, während er sie in die Wohnung schob und die Wohnungstüre schloß.
Es war wie eine Erlösung. Hemmungslos sprudelten die Worte aus ihr heraus. Sie sagte ihm, was sie in den letzten zehn Minuten durchgemacht hatte, daß sie ihn auf Grund einer wagen Beschreibung im Fernsehen, die auf fast jeden hätte zutreffen können, für den Frauenmörder gehalten hatte und sich beinahe wegen Leichtgläubigkeit die schönste Beziehung kaputt gemacht hätte, die sie in den letzten Jahren gehabt hatte.
"Oh, ich bin ja so dämlich!" schluchzte sie, jetzt mehr lachend als weinend.
"Nein, bist du nicht", beruhigte sie Bernard und küßte ihr zärtlich auf den Hals. "Das wäre vielen passiert. Glaub mir." Er lächelte. "Komm dreh dich um", sagte er und drehte sie mit dem Rücken zu sich. Er streichelte vorsichtig ihren Nacken und sog den Duft der weichen Haut in sich ein.
"Und du sagst, sie hätten den Würger endlich gefaßt?" fragte er nach einer Weile.
"Ja, es kam noch nicht in den Nachrichten, aber der Polizist hat es mir gesagt."
"Das ist sehr interessant", bemerkte er und begann, mit einer Hand ihren Nacken zu massieren, während er sie mit der anderen an sich heranzog.. "Ich bin sehr erleichtert darüber", fuhr er fort und in seiner Stimme schwang plötzlich eine seltsame Erregung mit. Seine Bewegungen wurden immer heftiger und mit dem Arm drückte er sie fest an sich. "Nur leider hat sie sich geirrt", sagte er. "Sie hat den Falschen festgenommen."
Mit diesem Worten umschlossen zwei kräftige Hände Lauras Hals. Wenig später war sie tot.

ENDE
Mittwoch, 30. Juni 1999
© by Oliver
Alle Rechte beim Autor

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