© der Geschichte: Ewgenij Sokolovski. Nicht unerlaubt
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Lügen haben kurze Beine

Und doch immer wieder wundere ich mich über so manche Leute. Diese Leute sind schon erwachsen und manche von Ihnen sogar gebildet. Nichtsdestoweniger verhalten sie sich wie kleine Kinder, die vor ihren Kameraden angeben möchten und dabei über die Folgen ihres Handelns überhaupt nicht im Klaren sind. Solche Leute gehen aus irgendeinem mir unbekannten Grund davon aus, dass die Menschen um sie herum entweder gestern auf die Welt kamen oder aber morgen in ein Heim für Zurückgebliebene eingeliefert werden. Nur unter solchen Voraussetzungen könnte ich es mir vorstellen, dass sie die Geschichten glauben würden, die man von solchen Leuten öfters präsentiert bekommt.

Geschichten wie: "Gestern ist ein Freund bei mir vorbeigekommen und mir so ein Programm auf den Rechner installiert, so dass ich jetzt CDs mit einem DVD-Laufwerk brennen kann". Oder - "War vor kurzem in einer Disko und hab da fünf Weiber aufgerissen. Sind dann zu mir nach Hause gefahren und bis in die Morgenstundenů (weiter folgen ausführliche Beschreibungen gewisser Handlungen, die ich hier jedoch nicht wiederholen möchte. Interessierter Leser sei z.B. auf Kama-Sutra verwiesen) ". Und dabei denken diese Leute nicht einmal daran, dass es sogar einem absoluten Technikhasser klar ist - man kann nicht mit einem DVD-Laufwerk etwas brennen, egal was für Software drauf ist. Und die Sache mit den fünf Frauen - na ja, ich erfahre dann nach ein paar Tagen, dass der "Weiberheld" an dem besagten Abend nicht einmal in der Nähe einer Disko war. Eine Liste solcher Geschichten könnte jetzt unendlich werden. Eins wäre doch ihnen allen gemeinsam - nur ein Trottel würde den Betrug nicht erkennen. Vielleicht merkt man ihn nicht sofort, vielleicht erst nach einer Weile. Aber es wird so oder so ans Licht kommen. Und zum großen Teil auch deshalb, weil die Erzähler schon nach einer Woche selbst nicht mehr wissen, was sie da erzählt haben. Auf diese Weise sieht man sich schon ziemlich bald mit derselben Geschichte aber mit anderen Details, Personen und Orten konfrontiert. Öfters schließen sich beide Varianten sogar gegenseitig aus: mal war das sein Vater, mal sein Onkel, mal er selbst; mal war es in Aachen, mal in Köln, mal in Düsseldorf.

Was kann man da tun? Man sitzt dem Erzähler (oder auch dem Träumer, wie man's nennt) gegenüber, lächelt ihn an und tut so als ob man ihm alles glaubt. Denn Widersprechen wäre sinnlos. Ich habe es schon etliche Male probiert. Der Lügner regt sich auf, er bestreitet alles, er schwört, er versucht zu beweisen und dabei denkt er sich immer wieder neue Einzelheiten aus, die er dann selbst mit den nächsten Worten falsifiziert. Und nur wenn man wirklich die härtesten, überzeugendsten und unbestreitbarsten Argumente auf dem Lager hat, kann man von ihm eventuell ein Geständnis kriegen, dass er gelogen hat. In diesem Fall schwört er dir, dass es das erste und einzige Mal war, und dass es sich nie mehr wiederholen wird. Dieses Versprechen reicht jedoch höchstens für eine Woche und dann beginnt alles wieder von vorne. Deshalb ist das Beste, was man tun kann - den Mann in Ruhe erzählen lassen. Soll er doch denken, er wäre der schlauste von allen und könnte jeden um den Finger wickeln. Das tut bestimmt seinem Selbstwertgefühl gut. Und man wird ihn auch nicht zu seinem Feind machen, was im Falle einer Diskussion doch sehr wahrscheinlich wäre.

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