Mit voller Kraft gen Neugeburt -
Chinas Hauptstadt Beijing wandelt ihr Gesicht im Zeichen des Geldes

von Jakob Anderhandt

Reformstau ist in Beijing buchstäblich ein Fremdwort. Und nicht nur das. Wer vor drei Jahren mit dem Flugzeug anreiste, um es heute nochmals zu tun, erkennt bereits beim ersten Schritt nichts mehr wieder. Derjenige Teil des Flughafens, über den bis zur Fünfzigjahrfeier der Volksrepublik alle Auslandsverbindungen abgewickelt wurden, dient heute lediglich für Reisen innerhalb des eigenen Reiches. Bis zu den Olympischen Spielen 2008 wird der gesamte Hafen zum drittenmal in der Geschichte des modernen China das Licht der Welt erblickt haben.
Parallelerscheinungen, auf die man als Tourist stößt, finden sich in der gesamten Stadt. San Li Tun, neben der "Seidenstraße" im Süden der bekannteste Straßenmarkt, wurde Anfang 2001 abgerissen und in eine Halle in der Nachbarschaft umgesiedelt. Ob zumindest die Bars gegenüber der ehemaligen Kleidermeile stehenbleiben, ist seitdem Gegenstand heftiger Diskussionen.
Für Europäer, die in Beijing leben, zeichnet sich noch weit eher ein Bild, das dem Paris Haußmanns gleicht. Wurden in der französischen Metropole neue Achsen gebrochen und Prachtstraßen errichtet, so entstehen in Beijing nach dem Abbruch ganze Stadtviertel neu. Oben auf der Programmliste für 2001 standen der Masterplan für den Business Distrikt im Osten entlang der dritten Ringstraße, sowie die Erschließung eines Geländes für das chinesische Silicon Valley im Westen. Zugleich läuft die Stadt an ihren Rändern aus wie ein brodelnder Pudding, in dessen Mittenkrater sich allein die Verbotene Stadt und eine Handvoll anderer Kulturdenkmäler halten können. Hauptverkehrswege erscheinen wie Korsette, die im Jahrestakt gesprengt werden. Der Bau einer vierten Ringstraße, auf der man unter anderem bis zum Sommerpalast fahren kann, wurde Mitte 2001 abgeschlossen. Mit den Arbeiten für eine fünfte wurde begonnen. Den vorläufigen Abschluß bilden zwei Autobahn-Loops von mehr als 120km Durchmesser, die die Hauptstadt von Durchgangsverkehr aus den Nachbarprovinzen freihalten sollen.

Besonders bei den Debatten um den Business Distrikt war zu sehen, daß der Bauboom zunehmend von Image- und Identitätsfragen begleitet ist. Von einer étypisch chinesischen Skyline' war die Rede, mit der man sich von den Zentren europäischer und amerikanischer Metropolen abgrenzen wollte.
Besucher und ausländische Experten, die das Projekt im Modell begutachten, finden dieses Ziel allerdings kaum verwirklicht. Statt dessen, so urteilen sie, wird Beijing zu den Olympischen Spielen eine Weltstadt sein, deren Aussehen alleine von wirtschaftlichen Bedürfnissen diktiert ist, nicht aber einer eigenen Tradition oder Kultur folgt. Geplant wird in hochfrequenten Schritten von je fünf Jahren, gebaut wird ausschließlich das, was im Durcheinander der Moden schnellste Renditen verspricht. Bei dem Gebäude der Mingsheng Banking Corporation im Westen handelt es sich um ein Gebäude im europäischen, neoklassischen Stil. Korinthische Säulen teilen die Fassade in einen Haupt- und zwei Seitenflügel. Eine Rundkuppel aus Kupfer thront über der Mitte. Die Fassade ist ganz Marmor, und nur die Fensterrahmen bestehen aus braun eloxiertem Aluminium, wohl das einzige Tribut an die exotische Umgebung, an Beijings Luftfeuchtigkeit und seine extremen Temperaturschwankungen zwischen 40°C im Sommer und -15°C im Winter.

Sogar innerhalb des städtischen Planungskomitees scheint eine Implementierung von einheitlichen Richtlinien zu scheitern. Grau ist seit 2001 offiziell die Farbe der Stadt, denn hierin sollen die abgerissenen Hutongs und geschliffenen Stadtmauern ihre Fortsetzung finden. Doch heißt es genauso, daß anläßlich der Olympiade das Gesicht Beijings heller, freundlicher und natürlicher werden müsse, weshalb viele der fünfzehn bis zwanzig Jahre alten Hochhäuser zwar gestrichen wurden, aber in Farben wie Ocker, Weinrot oder Pink. Selbst die Überführungen der Ringstraßen haben inzwischen einen Ton, der von Beijings Normfarbe so weit entfernt ist wie schlechtes Wetter von gutem. Sie schimmern alle in Himmelblau.

Vielleicht bis in den letzten Herbst hinein konnten Traditionalisten noch der Auffassung sein, daß zumindest der Kern Beijings, die Viertel im Umkreis der Verbotenen Stadt, ihr Gesicht wahren würden. Gerüchte von einem Beschluß kursierten, demzufolge die Wohnhöfe innerhalb der zweiten Ringstraße alle unter Denkmalschutz gestellt seien. Offen blieb dagegen die Frage, wie dieser Schutz finanziert werden sollte - ob durch staatliche Subventionen, individuelle Aufwendungen der vielen, aber armen Bewohner, einen Fond oder eine Mischform aus diesen drei Varianten.
Doch inzwischen entsteht am nordöstlichen Rand der Ringstraße der größte Busbahnhof Beijings, einschließlich einer Station für die Schnellbahn zum Flughafen. Und aus diesem Anlaß - so einmal mehr die Gerüchte - fräste sich seit September 2001 eine Schneise immer weiter in Richtung der Stadtmittelachse. Was in die Schneise käme, ob Abzweig der Schnellbahn, ob verbreiterte Straße, ob eine ebenfalls geplante Hochbahn, bei den Alt-Beijingern ernteten diese Vermutungen nur Kopfschütteln. Nichts genaues weiß man eben nicht, und am besten, man gewöhnt sich dran und rechnet mit dem Schlimmsten, der eigenen Umsiedelung. Noch vor Jahreswechsel wurde dann überraschend ein 18 Hektar großes Hutong-Viertel westlich des geplanten Bahnhofs, d.h. innerhalb der Ringstraße, abgerissen. Im Swiss-Hotel gegenüber erfuhr ich, dort seien Neubauwohnungen geplant. Und inzwischen demonstriert eine ganze Armee von Rohbauten unmißverständlich, daß Wohnviertel dieses Typs bis auf wenige hundert Meter an den Glockenturm heranführen werden und damit die Hauptachse der antiken Stadt berühren.

Ob abgesehen von den alten Parks und Palästen etwas wiederzuerkennen sein wird, wenn der Staub sich gelegt hat und die chinesische Hauptstadt in neuem Glanz erstrahlt?
Hutongs und das Leben in ihnen sind ein zweischneidiges Schwert. Die Familientraditionen in Altvierteln sind lang, die Beziehungen unter den Bewohnern stabil, die sozialen Verhältnisse sicher. Aber die Bedingungen, unter denen gehaust wird, sind hygienisch und mit Blick selbst auf den elementarsten Komfort eine Katastrophe. Kein Bad, keine Toilette, fast nie eine fix montierte Heizung. Aufgrund der jahrelangen Zuzüge sind die Innenhöfe vollgestopft mit Baracken. Und überall, wo es die Straßenbreite erlaubt, sind auch an die Außenmauern Geschäfte, Mini-Restaurants, Friseur-, Schneider- oder Reparaturläden gemauert. Nach Geschäftsschluß werden dort Waren- und Betriebsinventar beiseite geräumt, um einmal mehr ein Bett aufzuschlagen.
Kaum verwunderlich, daß gegen den Abriß vor allem Touristen und ihre Organisationen protestieren, einschließlich der eher konservativen Expatriat-Gemeinde. Der Grund ist bei allen ähnlich. Man fürchtet weniger um einen Lebensraum, als um die bevorzugte Gegend für den eigenen Ausflug, die Führung oder den Spaziergang. Die Stimmen aus den Hutongs klingen anders: "Mit alten Häusern ist es wie mit alten Menschen. Du kannst sie reparieren, aber sie bleiben doch alt", sagt der Besitzer eines Badehauses in dem ansonsten fortschrittskritischen Film "Shower" von Zhang Yang.

Bleibt die Frage der Kultur. Die Maxime der ansässigen Expatriats ist am einfachsten einzuschätzen. Kurz vor Weihnachten wurde versucht, aus einem der Compounds vor der Stadt ein Kind zu entführen. Sollten sich solche Ereignisse wiederholen, wird bei den Westlern aufgrund der sozialen Lage das Zentrum als Lebensraum Trend werden. So sind die Yonghe Villas, mein eigener Wohnort in der Nähe des Lama-Tempels, bereits völlig belegt, im Unterschied zu Projekten vor der Stadt mit einer Auslastung von z.T. unter 50 Prozent. "Kultur" bedeutet für die Ansässigen von weit her also in erster Linie Tradition im Sinne stabiler Beziehungen, gesicherter Nachbarschaftsverhältnisse, weil diese so wirkungsvoll wie kaum etwas sonst vor kriminellen Übergriffen schützen. Ein nächtlicher Raubüberfall auf die Villas scheint unmöglich, vor allem im Sommer, weil dann die halbe Nachbarschaft in der Einfahrt auf Feldbetten übernachtet. Darüber hinaus denke ich, daß sie uns tatsächlich helfen würden, aus dem einfachen Grund, weil sie uns kennen. Hinter unserem Eingangstor spielen ihre Kinder mit denen unserer Mitbewohner am Springbrunnen. Unser Gemüse kaufen wir im Schuppen nebenan, ganz wie sie es tun. Wir haben ein Stammrestaurant zwei Straßen weiter, wo wir Prozente bekommen wie jeder andere, der dort regelmäßig zu Gast ist. Kultur, das war im Zentrum der chinesischen Hauptstadt von jeher das Geflecht solcher Beziehungen. Ein Familienvater, der zum Ende des 19. Jahrhunderts keinen Klatsch mit nach Hause brachte, wurde von seiner Frau so lange vor die Tür gesetzt, bis er in diesem Mikrokosmos die neueste Neuigkeit herausgefunden hatte. Jenes antike Kommunikationszeitalter lebt für uns bis heute fort. Wir nehmen teil an ihm, wenn auch als eine eigentümliche, exotisch-reiche Randerscheinung.

Wie lange noch? Die Reden, daß selbst unsere zweigeschossigen Villas, die umfunktionierten Hallen eines Sägewerks, binnen drei Jahren fallen werden, um Neubauwohnungen doppelter oder dreifacher Höhe Platz zu machen, mehren sich. Was heißt es hier, realistisch zu sein?
Das traditionellste Viertel Beijings ist Houhai. Es befindet sich unmittelbar westlich des Glockenturms, entlang des Ufers zweier durch einen Kanal verbundener Seen. Ungefähr im gleichen Maß, wie der Straßenmarkt San Li Tun an Popularität verliert, beginnen dort alternative Bars und Restaurants die Ufergebäude zu füllen. Noch über die beliebten Hutong-Touren in Rikschazügen hinaus hat der Ausflügler- und Touristenstrom damit ein neues Ziel gefunden, zugleich neue Opfer. "Man behandelt uns wie Ausstellungsstücke!" schimpft ein Pensionär mutig in einer Stadtzeitung, als wegen des Besichtigungsdrucks zur Besinnung aufgerufen wird. Doch bei einem Abendessen erzählt mir eine Maklerin, daß ein luxusrenovierter Wohnhof am See neulich für den Sensationspreis von 7 Mio. US$ den Besitzer gewechselt hat. Bei uns im Dongcheng-Distrikt will die Jugend noch fort an den Stadtrand, in die schicken Neubauapartments oder die am Reißbrett entworfenen Komplexe für die erstarkende Mittelschicht.
Aber wer es dort zu etwas gebracht hat, erzählt die Maklerin weiter, den zieht es zurück in die Mitte. Houhai ist bei den chinesischen Yuppies in. Und egal, was dort in fünf Jahren stehen wird, für die, deren angestammte Heimat es ist, wird das Leben dort zu teuer geworden sein. Für uns übrigens auch.

Erstveröffentlichung in: archenoah: Magazin zur Förderung multikultureller Beziehungen. 9. Jahrgang, Nr. 1/2/3/4 (30-33), Januar - Dezember 2002. S.125-128.

© Jakob Anderhandt, 2002

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