Zeit aus den Fugen

von Philip K. Dick.

Zeit aus den FugenWäre Philip K. Dick nicht bereits 1982 verarmt gestorben, würde er heute mit Sicherheit einer der kommerziell erfolgreichsten Autoren unserer Tage sein. Hollywood müßte sich mit entsprechend großen Schecks bei einem der Hauptideengeber für phantastische Filme bedanken. Einige Produktionen gestehen ganz offen, daß sie auf eine von Dicks Geschichten basieren, wie Minority Report, Paycheck, Total Recall und natürlich Blade Runner. Andere, wie The Matrix oder auch The Truman Show z.B., bedienen sich ungeniert aus dem Ideenfundus des Philip K. Dick ohne dies explizit zu nennen. Die nächste Produktion, die sich auf Dick beruft, steht auch wieder in den Startlöchern. Bei "A Scanner Darkly" darf dann Keanu Reeves mal wieder agieren.

Doch Dick starb 1982, ehe sein großer Durchbruch als Ideenlieferant für große Popcornfilme begann, bei denen die verstörenden Gedanken des Autoren mitunter auch im Effektefeuerwerk untergehen.
"Zeit aus den Fugen" ist so ein Roman, der, wenn man ihn heute, 45 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, liest, wie ein bunter Jahrmarkt der Ideen für Filme wie Matrix und Co. wirkt.

Ragle Gumm ist mehr oder minder ein Tunichtgut. Er hat keine Arbeit und wohnt zusammen mit seiner Schwester, deren Mann und dem gemeinsamen Kind der beiden in einer Wohnung. Gumms einzige Beschäftigung besteht darin, das komplizierte Rätsel einer Tageszeitung zu lösen, was mehrere Stunden täglich in Anspruch nimmt. Und Ragle Gumm ist erfolgreich, seit mehreren Jahren hat er nun schon jedes Mal gewonnen. Alles scheint im Amerika der 50er Jahre idyllisch und in Ordnung zu sein. Außer das Ragle Gumm heimlich ein Auge auf die Frau des Nachbarn geworfen hat und ganz plötzlich feine Risse in der Realität auftauchen. Ein Kiosk, der sich plötzlich als bloßer Fetzen Papier auf dem Boden mit der Aufschrift "Getränkekiosk" entpuppt, merkwürdige Stimmen im Radio, die sich über Ragle Gumm unterhalten. In Gumm entsteht plötzlich die fixe Idee, das Universum würde sich einzig um ihn drehen. Er will herausfinden, was es mit seinen angeblichen Halluzinationen auf sich hat und macht sich daran, der Wahrheit auf den Grund zu gehenů

"Zeit aus den Fugen" aus dem Jahr 1959 nimmt solche Filme wie "The Matrix" oder auch "The Truman Show" um Jahrzehnte vorweg. Dicks Lieblingsthema war das Verwirrspiel um Realität, Einbildung, Simulation und Identität. Was ist wirklich? Was macht Wirklichkeit aus? "Zeit aus den Fugen" behandelt das Thema überaus spannend und beinahe spielerisch. Was als normaler amerikanischer Gegenwartsroman mit betulichen Alltagsszenen beginnt, nimmt zuerst subtile Wendungen ehe dann sowohl dem Hauptcharakter als auch dem Leser genüßlich der Teppich unter den Füßen weggezogen wird. Bald weiß niemand mehr, was noch real ist, was der Zweck und eigentliche Grund der seltsamen Geschehnisse ist. Nur eines ist gewiß: mit der Realität stimmt etwas nicht.

Die einzige, sehr kleine, Schwäche des Romans ist vielleicht noch das Ende, das eindeutig das Flair der Entstehungszeit atmet, wo heutzutage Maschinenwesen die Menschen versklaven oder Fernsehproduzenten ihren Protagonisten in einer gewaltigen Kuppel halten, wirkt Dicks Erklärung der Dinge für heutige Leser vielleicht etwas altmodisch, doch das ändert nichts daran, daß Dick einen bahnbrechenden Roman über virtuelle Realitäten geschrieben hat, ohne das Wort wahrscheinlich zu kennen oder jemals zu verwenden. Wo "The Matrix" mit allerlei Geplapper gerne verwirrt und dafür mit exzellenten Effekten den Zuschauer ständig unter Strom setzt, nimmt sich Dick die Zeit die Welt des Ragle Gumm immer mehr aus den Fugen geraten zu lassen. Wer das Buch liest, wird einige Szenen direkt wiedererkennen, die in "The Truman Show" zu sehen waren, die Grundidee als solches hat dann "The Matrix" für sich vereinnahmt - keine Frage, würde Dick noch leben, würde er vermutlich in Geld schwimmen.

Aber wie so viele Genies starb er doch eher verkannt und vergessen, ehe seine große Stunde ironischerweise just nach seinem Tode erst folgte. "Zeit aus den Fugen" ist zweifellos einer der großen Klassiker von Philip K. Dick und generell eines der wichtigsten Werke der Science Fiction.

[geschrieben von Thomas]

 

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